Ein Prager Poet. [Besprechung zu:] Oskar Wiener. Gedichte. In: Stimmen der Gegenwart (Jung-Deutschland). Jg. 1 v. 1900, S. 88-90.

Ein Prager Poet

Ich habe von jeher die Bücher geliebt, die den Dichtern, die sie geschrieben, wunde und heilige Erlösungen gewesen sind. In denen das Schicksal kranker Herzen lebt und ihre Worte mit den traurigen Lichtern der Sehnsucht färbt. Durch deren Schönheiten das süsse Wunder einsamer Leiden geht und einsamer Schuld. In denen die Reue betet und die Träume gestorbener Stunden stehn. Die „Gedichte“, ein Erstlingswerk Oskar Wiener's (Oskar Wiener: Gedichte. Verlag von Schuster u. Löffler, 1899. Titellithographie von Hugo Steiner), sind so ein Buch. Es ist eine Fülle von starken Motiven in diesen Versen, die auf ein reiches inneres Erleben deutet. Wer das Buch zu Ende gelesen hat, der weiss, dass der Dichter kein Priester und kein Künder einer stolzen und harten Messe, dass er ein Dulder und Demütiger ist und dass seine Seele voll ist von dem geheimen Glauben und den schmerzlichen Sünden eines uralten Martyriums. Seine Gedichte sprechen nicht die Sprache einer Schönheit, die in Harmonie und in der Erkenntnis ruht, sie reden wirr und wunderbar von den Dingen, die das Leben den Menschen bringt, von den Schmerzen des duldenden Königtums, wie es den Dichtern zuteil wird, von den Fragen, die in der Traurigkeit leuchtender Nächte sind und in den Liedern sehnsüchtiger Mädchen und Knaben. Vom Wehmenschlichen erzählen seine Verse; und gar eigen rührt uns manchmal ein Ton, der von dem Heimweh des Dichters zittert und in dem seine ganze Seele klingt, die wund ist und elend, krank und verraten und doch mit dem blutroten Sammt seiner stolzen Scham sich schmückt und die er auf die Gasse trägt, um sie den Leuten zu zeigen -- Oskar Wiener verfügt über eine rhythmisch-musikalische, zuweilen wundersam einfache und manchmal prunkhafte Form. Je nachdem er der Fürst seiner einsamen Lande oder der wandernde Sänger ist, der im Dorfe den Buben und Mädchen auf seiner Geige vorspielt. Und da wird es ihm wohl am allerseltsamsten zu Mute, wenn er in die staunenden Augen der armen Leute sieht, die gross und schwermütig werden bei seinen Liedern. Und da giebt er auch sein Allerbestes, das er lange mit sich getragen hat im Herzen, und seine schönsten gedichte sind so geworden. Das sind die Lieder und Strophen ohne Pose und fremde Allüren. Seine volksliederartigen Gedichte die uns tief und rein die Wirkung des Volksliedes geben, ohne in ihrem Primitivismus irgendwie forcirt zu sein. Eines der schönsten Lieder dieser Art will ich hier nennen:

Am Bach steht eine Linde

Am Bach steht eine Linde
Seit Urgrossvaters Zeit;
Und wenn ich Dich nicht finde,
Nicht finde
An der Linde,
So thu ich mir ein Leid. Ich habe eine Weide
Gepflanzt auf grauer Heide,
Nach Deinem ersten Kuss;
Dort legt man mich zur Ruhe,
Zur Ruhe
In der Truhe,
Weil ich bald sterben muss. -

Oskar Wiener ist ein Prager Kind. Und all das Wunderbare und Scheue, das Dunkle und Tragische dieser Stadt hat sich in seine Gedichte geflüchtet. Die Romantik seiner Strassen und Kirchen, seiner Heiligenbilder und Schicksale. Ein Uebermass von Motiven und köstlichen Schätzen birgt diese Stadt. Oaskar Wiener hat reichlich daraus geschöpft, und wir müssen ihm dankbar dafür sein. Er hat zwar nur das Essencielle aller dieser Dinge in seine Verse aufgenommen ohne störendes Detail und aufdringliches Kolorit. Nur im Tone einiger entzückenden Lieder bricht dieses zuweilen durch, die viel vom Taurigen und Süssen der slavischen Sänge haben. Und so erleben wir an diesem Dichter das Seltene und Wunderbare, wie seine Heimat mit ihren Menschen und ihrer Sonne, ihren Ebenen und ihrer Stadt in ihm zu Liedern und Gedichten wird. -- Eine besondere Begabung hat Oskar Wiener auch für das kleine und schalkhafte Kinderliedchen. Naiv und harmlos sind diese kleineren Gedichte, aber sie verraten ein starkes Talent für das intuitive Erfassen einer Naturstimmung und für das Prägnante in Stil und Wiedergabe. Eines der gelungensten Stücke dieses Genres ist das folgende:

Wolkenliedchen

Pausbackig sind die Engelein,
Ihr Kleid ist eitel Seide;
Mit einem Lilienstängelein
So treiben sie die Schäfchen ein,
Husch - auf der Himmelsheide. Die grosse Wolke dort am Rand
Trägt stolz ihr rotes Bändchen;
Der liebe Gott hat sie ernannt
Zum Leit-Bähbäh, denn am Verstand
Hat sie ein ganzes Endchen.
Die andern Wölkchen aber sind
So dumm wie kleine Mädchen;
Ich kenne nur ein einzig Kind,
Das ich um vieles klüger find' -
Mein Herzensmargaretchen.

Viele und mannigfaltige Klänge sind in dem Buche Wieners angeschlagen. Er ist ein Vielkönner und Vielempfinder. Seine Gedichte sind dekorativ und patetisch, naiv und litterarisch. Und sie geben uns in allen diesen Arten ein Stück Schönheit. Aber trotzdem möchte ich wünschen, dass Oskar Wiener ein wenig einseitiger und ärmer wäre. Und dass er all sein Können dahin konzentrierte, wo es bisher die wahrsten und schönsten Lieder gezeitigt: Das Volkstümliche und die Ballade sind des Dichters ureigenstes Gebiet. Dahin weist ihn sein Weg. -