"Prager Literatur vor drei Jahrzehnten." In: Prager Presse IV.261, Dichtung und Welt 38 (21. September 1924): 2 f. Prager Literatur vor drei Jahrzehnten Vor dreißig Jahren war der deutsche Literaturbetrieb in Prag mehr als idyllisch. Die Concordia, in der die beweglichen Geister aus den Bezirken der Bühne und der Presse restlose Aufnahme fanden, war Sammelpunkt und Kontrollstelle aller künstlerischen Dinge. Bei hochnotpeinlichen Leseabenden, die, in zwangloser Folge veranstaltet, eine Art Heeresschau über alle dichterischen Gehversuche darboten, führte Gottvater den Vorsitz, der erst vor kurzem die allzu geläufigen Silben Karpeles mit dem schöner und freimütiger klingenden Namen Klaar vertauscht hatte. Ein Kopf von universeller Bildung, ein Kritiker von Schärfe und Rang, ein Temperament von bezwingendem Feuer, war er im Laufe seiner Prager Jahre zu einem Lokalheros geworden, der Mitläufer und Beflissene unwillkürlich um Haupteslänge überragte, der in der Welt der Gesellschaft und Kunst dominierende Stellung einnahm. Neben ihm welkte Talent und Bedeutung zum Wesenlosen; kraft seiner Persönlichkeit, der bereitwilligen Huldigung aller übrigen war er, wahrscheinlich ungewollt, eine Zeitlang der einzige Repräsentant deutschprager Literaturbestrebungen. Die Disziplinarvorschriften des Gymnasiums, dessen Schulbänke ich dazumal drückte, verboten den Schülern, mit Produkten ihres Geistes an die Oeffentlichkeit zu treten. Nichtsdestoweniger faßte ich den Wagemut, an Alfred Klaar das Manuskript eines Romänchens zu senden, das ich in beschwingter Ferienstimmung zusammengeschustert hatte, und den Vielbeschäftigten um Rat und Urteil zu bitten. Durch seinen Sekretär, mit dem ich im vergangenen Sommer auf einer Stadtparkbank ins Gespräch geraten war und der so ziemlich meine erste literarische Beziehung darstellte, ließ mir der Gewaltige ein paar flüchtige Artigkeiten sagen, kümmerte sich aber weiter in keiner Weise um meine Dichtung. Das Werkchen, in dem knabenhafte Unklarheit aus den Phantasien eines Buckligen, der Romantik des Vysehrad eine Art Lokalkolorit herauszuschinden bemüht war, ist kurz nach seinem Entstehen abhanden gekommen. Aber schon der Umstand, daß es von Klaar gelesen und begutachtet worden war, steifte meinen künstlerischen Hochmut ins Ungemessene. Die Gymnasiasten-Lyrik, der ich mich nunmehr ungezügelter als jemals ergab, fand in Namin Alcoffi, der in der dritten Bank an der Ecke saß und hauptsächlich während der Griechisch-Stunde dichtete, einen eifrigen Helfer und Gefährten. Der Träger dieses kunstvollen Pseudonyms, das sich aus den Buchstaben seines bürgerlichen Namens zusammensetzte, war Camill Hoffmann, der nachmalige Redakteur der Wiener Zeit und der Dresdner Neuesten Nachrichten, der jetzige Pressechef der tschechoslowakischen Gesandtschaft in Berlin. Unvergessen sind mir die Stunden jungenhafter Begeisterung, die wir miteinander teilten. Jugend und Simplizissimus[,] die eben erst gegründet worden waren und noch mit der Vehemenz ines kleinen Revolutiönchens wirkten, wurden gierig unter der Schulbank verschlungen und im Bücherranzen, zwischen historischem Atlas und lateinischer Grammatik verstaut, trugen wir die Dramen Strindbergs und Knut Hamsuns Mysterien nach Hause. Die Verse, die wir einander vorlasen, pendelten von Lenau und Heine zu den Meistern hin, die gerade im Begriffe waren die Mode zu erobern. Selbst in den Ferien, die Freund Hoffmann in seiner Heimatstadt Kolin zu verbringen pflegte, versuchten wir unermüdlich, in lebhaften Briefwechsel verstrickt, die neue Kunst zu enträtseln. Mit dem Weggang Klaars, der in Berlin den entsprechenden Wirkungskreis gefunden hatte, strömte ein liberaleres Lüftchen durch die entstandene Lücke. Friedrich Adler, der vor seinen ersten Bühnenerfolgen stand, Hugo Salus, dessen Weg ganz unpragerisch flott ins Berühmtsein mündete, traten sein Erbe an. Zwar die Leseabende, an denen Literaturprofessoren das letzte Wort in die Wagschale legten, blieben bestehen, aber ihr Zeremoniell hatte sich fühlbar gelockert; hier und dort munkelte man sogar schon von neuen Dichtern. Rilke, der an Stelle des klangvollen Rainer noch den französischen Vornamen René bevorzugte, war bisher das nachsichtig verhätschelte Nesthäkchen gewesen. Die süße, ergreifende Art seiner jungen Lyrik begegnete Kopfnicken statt flammender Freude, wohlwollender Meinung schöngeistiger Spießer. Nur wir Buben, die wir eben mit Ach und Krach die Hürde der Matura genommen, waren von seinen Gedichten im Herzen berührt. Als er Prag verließ, war neben ihm, von der gärenden Zeit, die sich sichtbar regte, gehorsam befruchtet, ein Nachwuchs in die Halme geschossen, der auf eigenen Füßen stand. Josef Adolf Bondy, der empfindsame Gedanken in schöne Reime brachte, Emil Faktor, der mit zwei bemerkenswert kräftigen Gedichtbüchern debutierte, waren den Plan getreten, Hoffmann und ich veröffentlichten unsere ersten Verse. Faktor und Bondy fanden schon damals noch auf heimatlichem Boden den Anschluß an den Journalismus. Beide wirken zur Zeit in Berlin; Faktor, dem es noch in jungen Jahren vergönnt war, Gunst und Ungunst Prager Theaterverhältnisse vor die kritischen Schranken zu fordern, ist Chefredakteur des Börsen-Courier. Unterdessen hatte Jung-Prag, ein Klüngel ungebärdiger, mehr oder weniger ernst zu nehmender Literatur-Jünglinge, ein Töpfchen zum Ueberlaufen gebracht, in dem, wie die Folge bewies, mehr als wo anders mit Wasser gekocht wurde. Oskar Wiener gehörte der Gruppe an und ist wohl als einziger Gewinn der Affäre zu buchen. Verdienstvoll waren die Beziehungen, die Jung-Prag mit Margarete Beutler verknüpften, einer Dichterin von leidenschaftlicher Unbekümertheit, die in den letzten Jahren sehr mit Unrecht in Vergessenheit geriet. Verdienstvoll war auch der Eifer, der Detlef von Liliencron zu seiner ersten Vorlesung in Prag bewog, die damals mit der unverbrauchten Stoßkraft eines großen Ereignisses einschlug. Was sonst noch an Namen und Tagestalenten an die Oberfläche gespült wurde, ist seither seit langem verschwunden und höchstens für die Beteiligten von einem privaten Interesse. Immerhin war das Erdreich gepflügt, das künftigen Generationen das Wachstum gestattete. Der Prager Atmosphäre war das Beklemmende genommen und in den nächsten Jahrzehnten war es sogar möglich, einer Bohême Raum zu schaffen, die ohne die Sakrilegien der Jung-Prager nicht tunlich gewesen wäre. Der Glanz und der Uebermut dieser Zeit, ihr weltfremdes Abtrünnigsein, der Trotz und die Maßlosigkeit ihrer Nächte gehört in ein anderes Kapitel. Prager Presse. Jg. 4. Nr. 261 v. 21. September 1924, Dichtung und Welt 38, S. 2-3. |